Industriestandort im Naturparadies

Konsequenzen eines Kernkraftwerks, dem Österreich opponierte

Die Anreise zu unserem heutigen Schauplatz führt unser Redaktionsteam in eine idyllische Landschaft, wie sie im postindustriellen Zeitalter nur selten anzutreffen ist: Inmitten von saftig grünen Auwäldern neben einer zur Einkehr verleitenden Alpenhütte hinter einer Wiese an der Seite des Donauradwegs hören wir die Vöglein zwitschern.

Allerdings wird dieses Paradies von einem zweireihigen Stacheldrahtzaun jäh unterbrochen. Dahinter wirft eine Ansammlung aschgrauer, kubischer Betonblöcke ihren Schatten: das gescheiterte Projekt „AKW Zwentendorf“.

In der Amtsperiode Bundeskanzler Bruno Kreiskys erbaut, sollte dieses in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als erstes von drei geplanten Kernkraftwerken in Betrieb genommen werden. Damals galt es als prestigeträchtiges Symbol für den Eintritt Österreichs in die moderne Stromenergie. Doch nach der Fertigstellung des Gebäudes machte eine Volksabstimmung am 5. November 1978 diesen Traum zunichte und stürzte sowohl Arbeiter als auch Inhaber in die roten Zahlen.

Genau diese Problematik der finanziellen Konsequenzen des Baus und der Nichtinbetriebnahme wollen wir als Ausgangspunkt unserer Reportage nutzen.

Vorrangig litten natürlich die zweihundert schon unter Vertrag stehenden Arbeitnehmer an dem Verlust ihrer schon sicher geglaubten Einkommensquelle. Viele hatten bereits einen Kredit für Immobilien im Tullnerfeld aufgenommen, um in die Nähe der zukünftigen Arbeitsstelle zu ziehen. Nun fanden sie sich ohne Job, jedoch mit einem beträchtlichen Schuldenberg wieder, den zu bezwingen unmöglich schien, denn nicht einmal das Geld für die monatlichen Raten war mit Bestimmtheit aufzubringen. Sie standen vor dem Ruin. Genau um dieses Szenario zu vermeiden, hatten sich die Wähler nahe Zwentendorf in der Volksabstimmung eher für die Eröffnung des Kraftwerks ausgesprochen. Vom Rest der Bevölkerung überstimmt, mussten sie nun jedoch anderorts einen Arbeitsplatz suchen.

Auch auf Seiten der potenziellen Betreiber und Erbauer des Kraftwerks ist es um die Finanzen nicht gut bestellt gewesen.  Die Gemeinschaftkernkraftwerk Tullnerfeld Ges.m.b.H., eine Kooperation mehrerer namhafter Energieversorgungsunternehmen wie Verbund und EVN, machten Gesamtverluste in Höhe von über 5 Milliarden Schilling, welche eigentlich als Investition in Innovation gedacht gewesen waren.  Somit blieb zunächst nur Ersatzteilhandel zur Schadenbegrenzung. Nach heutigem Standpunkt fehlen der Originalkonstruktion unter anderem eine Niederdruckturbine und mehrere Motoren zur Bedienung der Steuerstäbe. 2005 wird das Grundstück von der EVN zu einem durchaus vorteilhaften Preis vollends aufgekauft, da es sich hier um einen genehmigten Kraftwerksstandort in Österreich handelt. 

Zunächst hat das Kraftwerksgebäude lediglich Nutzung im Schulungsbereich ausländischer Fachkräfte im Kernkraftwerkssektor gefunden. Fünf Jahre später ist am Gelände zusätzlich eine hochmoderne Photovoltaikanlage mit einer Leistung von 180.000 Kilowattstunden errichtet worden, welche jährlich 1000 Haushalte mit elektrischem Strom versorgt. Im Jahr darauf ist in Kooperation mit der Technischen Universität Wien das Photovoltaik-Forschungszentrum Zwentendorf entstanden.

In den Sommermonaten werden freitags Führungen von Studenten der TU angeboten, obwohl das AKW Zwentendorf nach offiziellem Stand kein Museum ist. Trotzdem finden Besucher Modellbrennstäbe als Anschauungsobjekte vor. Durch ein kurz nach der Jahrtausendwende geschnittenes Loch kann der Reaktordruckbehälter heute auch von Innen besichtigt werden. Diese irreversible Maßnahme ging als „Todesstoß von Zwentendorf“ in die Geschichte ein, da hiermit eine Inbetriebnahme des Atomkraftwerkes gänzlich unmöglich gemacht wurde.

Doch nicht nur hier wird der Tourismus aktiv angekurbelt. Nachdem eine industrielle Nutzung ausgeschlossen wurde, errichtete man seitlich des Kraftwerksstandortes die „Bärendorferhütte“, welche von ihrem originalen Standort in den Alpen in Einzelteilen an die Donau umgesiedelt wurde. Dort dient sie als willkommene Einkehr für müde Radfahrer des Treppelweges, der direkt durch das Gelände führt.

Wäre das Kernkraftwerk in Betrieb genommen worden, gäbe es all diese typisch österreichischen Touristenattraktionen inmitten unserem schönen Land am Strome mit Sicherheit nicht. Die Frage ist nur, ob sie auch entstanden wären, hätte man den Industriestandort AKW Zwentendorf nicht geplant und erbaut.

Resümierend lässt sich jedoch nicht leugnen, dass die idyllische Unberührtheit der Donauauen durch das gescheiterte Projekt immens gelitten hat. Unser Redaktionsteam wendet den Betonbauten nach der Führung den Rücken zu und genießt mit Blick auf die Donau die schönen grünen Auen unberührter Natur. So lässt sich die Disparität dieses Ortes doch mit ruhigem Gemüt analysieren.

http://diepresse.com/text/home/panorama/oesterreich/421960 (24.09.2013)

http://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Zwentendorf (24.09.2013)

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/umwelt/968220/ (24.09.2013)

http://www.zwentendorf.com/ (24.09.2013)

Gedankenprotokoll: Führung durch das AKW Zwentendorf am 20.09.2013

Krska, Pleha, Stipsitz